GASTBEITRAG - Anke

Psychischer Umgang mit Long Covid

Manchmal weiss ich gar nicht mehr, was ich denken soll, geschweige denn fühlen…

Seit vielen Monaten leide ich unter Long Covid. Ich bin komplett abgeschnitten von meinem «normalen» Leben, habe einen winzigen Radius, das Er-Leben hat Pause.

Statt Wanderungen zu unternehmen, ist die tägliche gleiche kleinste Spazierstrecke meine Bewegung. Statt Vollzeit zu arbeiten ist es eine grosse Herausforderung, einen Kuchen zu backen. Statt am Abend zur Entspannung Sachbücher zu lesen, sind einfache Krimis nur kapitelweise möglich – an guten Tagen.

 

Und was wird daraus werden? Was wird sein?? Ist es irgendwann einmal vorbei? Oder behalte ich Einschränkungen zurück?Kann ich je wieder wandern, Fernreisen unternehmen, arbeiten?

Soll ich mich in einer gedämpften, vielleicht realistischeren Haltung damit akzeptierend auseinandersetzen, dass mein Leben anders als zuvor sein wird? Würde mich das nicht vor Enttäuschungen schützen? Oder möglichst immer einen Optimismus behalten?

 

Hört sich, selbst für mich, wenn ich das schreibe, nicht recht nachvollziehbar an. Es ist kein entweder – oder. Und dann eben doch.

Es ist für mich ein täglicher Kampf, den jetzigen Zustand zu akzeptieren und eben auch das, was ich möglicherweise zurückbehalten werde. Gleichzeitig kämpfe ich auch um den Optimismus, wieder ganz zu gesunden. Dieser Optimismus scheint mir ein wichtiger Motor zu sein, etwas, was ich nicht verlieren sollte. Denn je pessimistischer ich werde, desto eher mag ich wahrscheinlich in eine destruktiv depressive Haltung kommen. Ich will nicht aufgeben, den Kopf in den Sand stecken, wie immer man das nennen will.

 

Nun würde man mir – und ich anderen – wahrscheinlich anraten, doch möglichst im Jetzt zu bleiben. Nicht allzu rosig oder schwarz die Zukunft zu bewerten, im heutigen Befinden zu bleiben. Tatsächlich, wenn mir dies gelingt, und ich weniger katastrophisiere, wenn wieder einmal die kleinste Anstrengung zu viel war, geht es mir besser. Mir geht es sogar auch besser, wenn ich nicht gerade in Euphorie verfalle, weil etwas besonders wenig belastend war – um dann aufgrund der Euphorie gerade ins nächste Loch zu stürzen.

 

Ein anderer Gedanke, um den Zukunftsängsten zu begegnen, ist der, Veränderung auch als Chance nutzen zu wollen. Ok, vielleicht wird eine Einschränkung durch Long Covid lange oder immer bleiben, aber diese Veränderung könnte ja auch gut sein, gut genutzt werden. Im Sinne von mehr Zen, weniger Stress. Mehr Kreativität, mehr Ruhe, weniger Druck, weniger Gehetze.

Und dann kommen die Gedanken ans Wandern, ans Reisen, ans energetisch über die Flure meines Arbeitsplatzes wirbeln – und ich verzweifle. Ich verzweifle, wieder und wieder, fühle mich elend, bin traurig über all das, was ich gerade verpasse und vielleicht lange verpassen werde.

 

Manchmal ertappe ich bei dem Gedanken, dass ich erst, wenn ich die Akzeptanz gefunden habe, wieder gesund werden kann. Der Gedanke ist sicher gespeist daraus, dass Ruhe und Entspannung die Symptomatik lindern, die Ausschläge verringern und therapeutisch insgesamt bei Long Covid vorherrschend angestrebt werden. Was auch immer genau der Mechanismus von Long Covid ist, bzw. von meinem Long Covid, eine vegetative Dysregulation ist offensichtlich ein wesentliches Element. Meine Zukunftsängste stressen mich zusätzlich, heizen womöglich die ganze Dysregulation an. Je mehr ich in der Ruhe bleibe, desto besser kann ich heilen.

 

Echt jetzt? Ich glaube, nur Betroffene, können den Wahnsinn dahinter nachvollziehen. Man macht sich Druck, sich zu entspannen, damit man dadurch sogar eventuell eine bessere Prognose hat? Mit dieser existentiellen Kopplung klappt Entspannung ja wirklich prima…

Hope for the best, prepare for the worst.

Ich denke, der Schlüssel dazu, Long Covid mental zu ertragen und möglicherweise sogar dazu, heilen zu können, liegt darin, all diese Gedanken und vor allem Emotionen vereinen zu können. Den Optimismus, wieder gesund zu werden. Im Jetzt bleiben. Die Situation, oder das, was davon bleiben mag, zu akzeptieren. Eine Veränderung, im Sinne von bleibenden Einschränkungen im Leben, nicht nur als defizitär zu begreifen, sondern auch eine Chance einzuräumen.

 

Was ich aber ebenso wichtig für mich finde, neben all dem Annehmen und Akzeptieren und unglaublich aufgeräumt mit dieser persönlichen Katastrophe umzugehen, ist, die Verzweiflung, die Traurigkeit und die Angst auch zuzulassen.

Vielen herzlichen Dank an Anke für diesen wertvollen Gastbeitrag. 

 

Falls du auch einen Gastbeitrag veröffentlichen willst, melde dich gerne per Mail an kontakt.lebenmitlongcovid@gmail.com.

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