Leben mit Long Covid

Der Vagus Nerv – Wie auch emotional Belastendes und Stress die Symptome von Long Covid verschlimmern können, und was man dagegen tun kann

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass emotional aufwühlendes oder Stress bei Long Covid genauso schädlich sein können wie körperliche Überbelastung. Ein Beispiel dazu habe ich dir auf unserem Blog unter «Unsere Geschichte» abgelegt: Wie ich nach einer emotional belastenden Situation in den Rollstuhl kam.

Stress

Dass emotionale Belastungen wie Stress bei Long Covid den Zustand verschlechtern können, ist mittlerweile bekannt. Trotzdem möchte ich hier nochmals betonen, dass Long Covid keine psychosomatische Erkrankung ist! Die Erkrankung hat einen rein organischen Ursprung. Doch psychische Stresssituationen können die Krankheit verschlimmern. Dies lässt sich durch unser autonomes Nervensystem erklären, welches bei Long Covid sozusagen hyperaktiv und hypersensibel geworden ist.

Das Gehirn kommuniziert über Nervenbahnen mit den Organen im Körper, dabei fungiert der Nerv sozusagen als Autobahn, über die Informationen hin und her transportiert werden. Stress und Angst lösen im Gehirn den Alarmzustand aus: eine Meldung «lebensgefährlich!» geht ans limbische System, das unter anderem für unsere Gefühle zuständig ist. Der Hippocampus und die Amygdala, die beide im limbischen System sitzen, veranlassen dann den Hypothalamus dazu, die entsprechenden körperlichen Reaktionen auszulösen. Dies bewirkt er über die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, welches bereits zu Urzeiten dafür verantwortlich war, beim Blick eines Säbelzahntigers automatisch die Beine in die Hand zu nehmen und zu wegzurennen, was das Zeug hält. Heute kennen wir das zum Beispiel dann, wenn wir durch ein plötzlich auftretendes Geräusch erschrecken. Dann wird unser Körper in Sekundenschnelle auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Die Nervenbahnen des Sympathikus verlaufen durch unseren gesamten Körper und beziehen die meisten Organe mit ein. So kann der Mensch bei Gefahr enorm schnell reagieren und der Sympathikus zum Beispiel dem Herz direkt auftragen, schneller zu pumpen, damit unser Körper besser durchblutet ist und wir schneller flüchten oder besser kämpfen können. Er versetzt den Körper in den Alarmzustand, der nötig ist, um so schnell und richtig wie möglich in der Gefahrensituation zu reagieren. Eigentlich ein Wunderwerk.

 

Wenn ihr mehr dazu wissen möchtet, habe ich auf Netflix eine echt gute Serie dazu entdeckt, die das Ganze ziemlich gut durchleuchtet: Der Mensch: Innere Welten. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die Folge «Reaktion», aber auch «Treibstoff», «Puls» und «Abwehr» sind für Long Covid Betroffene interessant.

 

Nur geht man bei Long Covid davon aus, dass dieses bereits erwähnte Nervensystem gestört ist, überaktiv und hypersensibel geworden ist. Die kleinsten Anzeichen von Stress lösen bereits die Sympathikusreaktion aus, die die uns allen bekannten Long Covid Symptome machen: Herzrasen, erhöhter Blutdruck, schnelles Atmen, erhöhter Puls. Obwohl da kein Säbelzahntiger, oder auch sonst keine erkennbare Gefahr droht, die diese Reaktion erklären würde. Das Problem des autonomen Nervensystems ist, dass es unbewusst und selbständig operiert. Soll heissen, wir können es willentlich nicht beeinflussen. Aber es gibt einen Umweg: den Vagusnerv.

Was ist der Vagus Nerv?

Der Vagusnerv ist der wichtigste Teil des parasympathischen Nervensystems, welches der Gegenspieler (Antagonist) des sympathischen Nervensystems ist. Der Vagusnerv ist also, vereinfacht ausgedrückt, vor allem für Entspannung, Ruhe und die Verdauung verantwortlich. Um den Vagusnerv zu stimulieren und Ruhe und Entspannung in den Körper zu bringen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

 

  • Schnurren wie eine Katze

  • Summen

  • Seufzen

  • Singen

  • Lippenbremse

  • Atemübungen (alles, was den Aus-Atem verlängert)

  • Pranayama Atmung

  • Brustwirbelsäulenmobilisation (Yoga Katze-Kuh, Nadelöhr für Arme)

  • Augenpressur (mind. 1 Minute zart mit den Handflächen gegen die geschlossenen Augen drücken)

  • Zunge einrollen und gegen Gaumen drücken

  • Ohrakupunktur

  • Meditieren

  • Chants und Mantras

  • Massagen (Entspannungs- und Wohlfühlmassagen)

  • Bewusste Sinneswahrnehmungen (achtsames Gehen, Essen, Trinken, Wahrnehmen)

Was kann man tun?

Alles, was zu Ruhe und Entspannung führt, kann helfen. Ein grosser Teil der Therapie in der Reha ist diesem Versuch der Stimulation gewidmet und beinhaltet Achtsamkeitsübungen und Entspannungstechniken wie:

 

  • Progressive Muskelrelaxation (PMR)

  • Body Scan

  • Sitzmeditation

  • Yoga

  • Klang (-schalen) meditation

  • Qi Gong

  • Atemübungen

Schlussendlich sind Entspannungsrituale sehr individuell, und man muss das Passende für sich selber finden. Grundsätzlich gilt: alles, was hilft, länger aus- als einzuatmen, ist förderlich. Ich habe für mich auch noch folgende Entspannungstaktiken entdeckt:

 

  • White noises (Hintergrundgeräusche wie Meeresrauschen)

  • Brainspotting

  • Monochord Klänge

  • Dehnen

  • Ruhige Klaviermusik

  • Yoga Nidra

  • Yin Yoga

  • Entspannungsmusik

  • warmes (Duft-)Bad

  • WatSu (Wasser-Shiatsu)

  • Aromatherapie/Düfte

Wer noch Fragen oder Ergänzungen zu den einzelnen Entspannungstechniken hat, kann uns gerne per Mail kontaktieren oder sie hier in den Kommentaren posten. Danke fürs Lesen, und viel Spass beim Ausprobieren!

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